PJA Open Letter to the Süddeutsche Zeitung

On February 11, 2026, the Süddeutsche Zeitung published an article, „Zensur sieht anders aus“ that it subsequently removed from its website within a few hours. The article, a defamatory and denunciatory attack on individuals, predominantly Palestinians and people in solidarity with Palestine, contained numerous factual errors and ethical failures. PJA, along with other concerned parties, contacted the editors of the Süddeutsche Zeitung on February 17 urging them not to republish something that would “fuel further hatred and racism towards Palestinian people and perspectives – especially at a time when we so urgently need exchange and fact-based reporting.” We never received a response from the editors. A slightly altered version of “Zensur sieht anders aus”was published on February. 18, without any editorial commentdetailing the numerous corrections and reasons for its initial depublication. In solidarity with those targeted in the article, we publish our letter here. For Pary El-Qaliqili’s statement, please see: https://paryelqalqili.com/genau-in-solchen-zeite

 

February 17, 2026 

Sehr geehrte Redaktion der Süddeutschen Zeitung,

sehr geehrte Frau Peschke,

sehr geehrter Herr Gorkow,

sehr geehrte Frau Wittwer,

Es beunruhigt uns zutiefst, dass die Süddeutsche Zeitung die Wiederveröffentlichung eines Artikels von Jonathan Guggenberger mit dem Titel „Zensur sieht anders aus“ erwägt, nachdem dieser Artikel umgehend nach seiner Veröffentlichung am 11. Februar 2026 entfernt wurde. Er ist ein weiterer Baustein in der persönlichen Kampagne des Journalisten, Kritiker*innen der deutschen Politik, vor allem Palästinenser*innen, unter dem Deckmantel der Antisemitismusbekämpfung zu diffamieren und zu denunzieren. Die tageszeitung hat bereits einen Prozess aufgrund von Fehlern und ethischen Verstößen in dieser Hetzkampagne von Herrn Guggenberger verloren. Es ist daher zutiefst beunruhigend, dass eine Zeitung vom Rang der Süddeutschen Zeitung die Veröffentlichung solch unbegründeter und hetzerischer Rhetorik in Erwägung zieht.

Die Angriffe gegen Pary El-Qalqili und einen ihrer Mitwirkenden im fraglichen Artikel sind deshalb so besorgniserregend, weil es sich nicht um Politiker*innen oder andere Personen des öffentlichen Lebens handelt, sondern um einen 17-jährigen Jungen und eine freiberufliche Künstlerin. Während der Recherchen zu seinem Artikel, wurden Sie nicht von Herrn Guggenberger kontaktiert  – ein klarer Verstoß gegen die journalistische Sorgfaltspflicht. Auch die Teile über den Jugendlichen verstoßen gegen den Pressekodex (Ziffern 8.3 & 11.): Demnach dürfen Kinder und Jugendliche bei der Berichterstattung über (mögliche) Straftaten bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres nicht identifizierbar sein. Im konkreten Fall kommt erschwerend hinzu, dass Herr Guggenberger ihm eine Vorstrafe unterstellt, wo keine vorliegt. Der Jugendliche wurde zwar mehrmals festgenommen, aber nicht verurteilt, was juristisch einen großen Unterschied darstellt. Diese Falschdarstellung dient lediglich Guggenbergers Ziel, palästinensische Erfahrungen, Proteste, Gefühle und Subjektivität zu diskreditieren. Der Deutsche Presserat hat bereits am 23. Oktober 2024 eine Rüge gegen eine Zeitung des Springer-Konzerns wegen ähnlicher Verleumdungen im gleichen Fall ausgesprochen. 

Die bösartigen Angriffe gegen Pary El-Qalqili sind verwerflich. Frau El-Qalqilis 15-minütige Performance „Brennende Erde“ war Theater und zugleich Sozialtherapie für die Jungen und jungen Erwachsenen aus Gaza und Syrien, von denen viele Angehörige in Gaza verloren hatten. Sie arbeitete mehrere Wochen konstruktiv mit diesen traumatisierten Jugendlichen zusammen, um eine theatralische Form für die Verarbeitung und den Ausdruck ihrer Erfahrungen und Gefühle zu entwickeln. Ziel ihrer Performance war es, wie aus den öffentlich zugänglichen Presse-Informationen klar hervorgeht, den Betroffenen die Möglichkeit zur kollektiven Trauer zu geben. Solch wichtige therapeutische Theaterarbeit als „Täter-Opfer-Umkehr“ zu bezeichnen, bedeutet, die Existenz und Legitimität des palästinensischen Leidens absichtlich zu leugnen. Das ist nichts anderes als die Definition von anti-palästinensischem Rassismus. 

Schließlich versucht Herr Guggenberger, Frau El-Qalqili die Berechtigung abzusprechen, am Fellowship-Programm „Weltoffenes Berlin“ teilzunehmen, welches der Unterstützung unabhängiger Künstler*innen dient, die sich „persönlich bedroht sehen“, oder die „ihre professionelle Tätigkeit wegen politischer Bedingungen nicht bewältigen können (z.B. aufgrund von allgemeiner Repression, Klima der Einschüchterung, Wegbrechen von beruflichen Möglichkeiten)”. Trotz seiner verschlungenen Versuche, das Gegenteil zu behaupten, ist Guggenbergers Artikel genau dafür beispielhaft: Für das Klima der Einschüchterung und allgemeinen Repression, mit dem palästinensische Künstler*innen in Deutschland konfrontiert sind.

Seine Berichterstattung ist in einem ideologisch geprägten, diffamierenden Stil gehalten, der Fakten und Beweise ausblendet, um seine politische Agenda voranzutreiben. Herr Guggenberger ist nicht an der palästinensischen Erfahrung interessiert. Seine Artikel sind kein Journalismus, sondern denunziatorische Anklagen von Personen, deren politische Ansichten von denen des Journalisten abweichen. Dies ist aber nicht von öffentlichem Interesse, wie es der Pressekodex in Ziffer 8 zum Schutze der Persönlichkeit fordert. Wir möchten Sie daher dringend auffordern, von der Wiederveröffentlichung dieses Artikels abzusehen, der geeignet ist, Hass und Rassismus gegenüber palästinensischen Personen und Perspektiven weiter zu schüren – gerade in einer Zeit, in der wir Austausch und faktenbasierte Berichterstattung so dringend brauchen.

 

Mit freundlichen Grüßen,

Verein palästinensischer und jüdischer Akademiker*innen