Gründungserklärung des Vereins palästinensischer und jüdischer Akademiker*innen

Juli 2024

Wir sind palästinensische und jüdische Wissenschaftler*innen mit persönlichen, beruflichen und institutionellen Verbindungen zu Deutschland und anderen deutschsprachigen Ländern. Wir konstituieren uns als Gegenstimme zu den repressiven Entwicklungen von Diskursen, Richtlinien und Handlungen, die im Zusammenhang mit Palästina/Israel stehen. Zu unserem Verein gehören Geschichts-, Religions-, Rechts-, und Kulturwissenschaftler*innen der Region sowie der palästinensischen und jüdischen Diaspora. Unser Zusammenschluss und unsere Arbeit fußen auf unserem Fachwissen, ethischen Verpflichtungen und Erfahrungen.

Als Palästinenser*innen und Jüd*innen haben wir unterschiedliche Beziehungen zu Palästina/Israel und Deutschland. Zu unserem Verein gehören Mitglieder, die in Palästina/Israel und in der Diaspora geboren und aufgewachsen sind. Viele von uns sind Nachkommen von Opfern und Überlebenden des Holocausts und der Nakba. Diese Vergangenheiten hallen in der Gegenwart wider; viele von uns haben selbst Antisemitismus und antipalästinensischen Rassismus erlebt. In Deutschland und anderswo scheint das Gedenken an den Holocaust oft nur unter Ausschluss der Anerkennung der Nakba möglich zu sein. Wir sind überzeugt, dass die Erinnerung an den Holocaust ein bedingungsloses Einhalten des  Völkerrechts und der Menschenrechte weltweit nach sich ziehen muss.

Seit fast einem Jahrhundert wird das Leben in Palästina/Israel durch die Spaltung von Palästinenser*innen und jüdischen Israelis bestimmt: Während Palästinenser*innen die kollektive Selbstbestimmung, Souveränität und Staatsbürgerschaft bis heute verweigert wird, profitieren jüdische Israelis von strukturellen Vorteilen, Anerkennung und Privilegien, die im israelischen Nationalstaatsgesetz verfassungsrechtlich  verankert sind. Täglich erleben Palästinenser*innen routinemäßige Gewalt, Enteignung, systematische rechtliche und soziale Diskriminierung, sowie die Annexion, Beschlagnahmung und Fragmentierung ihres Landes und ihres Volkes. Die Aufrechterhaltung der Besatzung wirkt sich auch auf jüdische Israelis aus. Diese Situation wurde von den Vereinten Nationen, internationalen Menschenrechtsorganisationen sowie von israelischen und palästinensischen NGOs ausführlich dokumentiert. Wir sind überzeugt,  dass eine lebensfähige Zukunft für Palästina/Israel Gerechtigkeit für palästinensische Geflüchtete sowie für Palästinenser*innen in dem besetzten Gebiet und im Staat Israel erfordert. Wir teilen eine Vision, in der gleiche Rechte und eine demokratische Vertretung für alle Menschen der Region gelten.

Die Logik der Spaltung betrifft auch Palästinenser*innen und Jüdinnen:Juden in Europa, die oft als Gegner*innen dargestellt werden. Besonders in Deutschland erleben wir zunehmend repressive staatliche Politiken, die Zensur, Schikanen, und Diffamierungen, bis hin zu einer Bedrohung des Aufenthaltsstatus  oder den Verlust des Arbeitsplatzes beinhalten. Gegen die Gewalt dieser Position erklären wir unsere intellektuelle, politische und ethische Solidarität zueinander.

Als palästinensische und jüdische Akademiker*innen sind wir den folgenden Grundsätzen verpflichtet:

  1. Wissenschaftsfreiheit

Akademische Institutionen spielen eine entscheidende Rolle bei der Verteidigung von  Menschenrechten und demokratischen Werten. Wir setzen uns für die Freiheit der Wissenschaft und Meinungsäußerung ein, einschließlich des friedlichen Protests von Lehr- und Arbeitskräften sowie  Studierenden. Das Aufkommen autoritärer Tendenzen in ganz Europa gefährdet die Wissenschaftsfreiheit und den pluralistischen Diskurs. Wir unterstützen die Nutzung akademischer Räume zur Ausübung politischer Rechte und zur Diskussion drängender Fragen ohne Repression.

  1. Faire Darstellung

In akademischen und öffentlichen Diskussionen über Palästina/Israel muss eine Vielfalt palästinensischer und jüdischer Stimmen zu Gehör kommen. Palästinenser*innen können und müssen eingeladen werden, um in akademischen Kontexten und in den Medien für sich selbst sprechen zu können. Ebenso müssen wissenschaftliche und öffentliche Debatten eine Vielzahl an jüdischen Perspektiven einbeziehen, einschließlich solcher, die dem Zionismus und dem Staat Israel kritisch gegenüberstehen. Nur eine Einschließung aller Stimmen kann Verzerrungen und Einseitigkeit entgegenwirken.

  1. Engagierte Wissenschaft

Wir sind davon überzeugt, dass  Lehre und Forschung zu Palästina/Israel notwendig und dringlich sind, nicht zuletzt auch wegen der mit diesem Themenkomplex in Zusammenhang stehenden Fragen zu Rassismus, insbesondere Antisemitismus und antipalästinensischem Rassismus. Unser Ziel ist es, ein differenziertes und fundiertes Verständnis der Geschichten, Politiken und Kulturen Palästinas/Israels zu fördern, um akademische und öffentliche Debatten zu gestalten, die demokratische Zivilgesellschaft zu stärken, und politische Diskurse kritisch zu reflektieren.  Dazu gehören die Initiierung von Veranstaltungen und Seminaren, und die Entwicklung von Bildungsressourcen und speziellen Forschungsprogrammen.

  1. Solidarität mit palästinensischen Akademiker*innen

Wir sind Zeugen eines Scholastizids und der Unterdrückung palästinensischer Wissenschaftler*innen in Palästina/Israel und in der Diaspora. In Europa ist die Arbeit  vieler palästinensischer Studierender und Lehrkräfte seit Jahrzehnten von Schweigen und Repressionen geprägt. Häufig sind Palästinenser*innen zusätzlich  aufgrund von Vertreibung und Staatenlosigkeit von internationalen akademischen Plattformen und Förderformaten ausgeschlossen. Wir fordern Institutionen und Fördereinrichtungen auf, palästinensische Wissenschaftler*innen aktiv in bereits bestehende und neue Forschungsprogramme aufzunehmen.

  1. Solidarität mit jüdischen Akademiker*innen

Der Diskurs um Palästina/Israel wirkt sich auf jüdische Studierende und Lehrkräfte aus. Für uns kann eine offene akademische und politische Diskussion nur ohne die Gefährdung  anderer geführt werden. Darüber hinaus werden in Deutschland und anderen Ländern jüdische Kritiker*innen des Zionismus, des Staates Israel und der antipalästinensischen Politik häufig schikaniert und strukturell marginalisiert. Wir stehen an der Seite jüdischer Wissenschaftler*innen, die aufgrund ihrer Solidarität mit Palästinenser*innen Einschüchterungen und Antisemitismusvorwürfen ausgesetzt sind.

  1. Rechtliche Verantwortung

Akademischen Institutionen kommt eine entscheidende Rolle bei der Schaffung einer gerechteren Gesellschaft zu. Institutionen müssen ihre Beziehungen zu allen Parteien, die das Völkerrecht und die Menschenrechte verletzen, ausnahmslos und transparent überprüfen, offenlegen und beenden.